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Nederlands
Informationen zur niederländischen Sprache und Kultur
Stand der Bearbeitung: 16.5.2005
Zuletzt aktualisiert am 24.6.2008
Susanne Kippenberger: Das Land hinter NRW. In Holland ist (deutsches) Kindsein einfach nur eines: "lekker". Eine Liebeserklärung. Der Tagesspiegel Nr. 18834, 15./16.5.2005, S. S8
... im Land, wo Pudding und Joghurt flossen, cremig und aus großen Flaschen... Für uns Kinder war Holland Schlaraffenland. Wochenlang durften wir mit den Fingern essen (Pommes und Krokettjes), mußten kaum noch was kauen: Das schokobestreuselte Brot war so weich wie Softeis, die Mayo und die Matjesfilets. So ein Land, in dem alles lekker heißt, was herrlich ist, das Wetter, die Spielplätze und die meisjes, muß man einfach lieb haben.
Holland (von den Niederlanden, wie es korrekt heißt, spricht in NRW kein Mensch) ist das erste Ausland, das ein nordrheinwestfälisches Kind betritt. Das prägt, ein Leben lang. Klein und überschaubar, voller Windmühlen und Grachten, kommt es dem Kind wie Lummerland vor: das Land, wo die Tulpen blühen und die Drehorgeln spielen, die Fahrradfahrer immer Vorfahrt haben, und das Meer größer ist als sämtliche Baggerseen zusammen. Es ist das Land, wo alle so lustig sprechen, wie bei uns nur Rudi Carell - so, daß es im Rachen kracht - und uns alle verstehen, ohne daß wir je einen Sprachkurs besucht haben. Ja, manchmal verstehen sie uns besser, als wir uns selbst: Wenn ein Coesfelder und ein Hengeloer sich auf dem Markt von Enschede treffen, auf dem auch halb Münster einkaufen geht, so sprechen sie denselben Dialekt, erzählt Bernd Müller von der Landesvertretung NRW in Berlin...
Wie alle Familien von Rhein und Ruhr fuhren auch wir nach Zandvoort aan Zee, wo wir erst Drachen steigen ließen und später Hippies spielten, rund ums Lagerfeuer am Strand. Hier konnten wir zum ersten Mal frei atmen: als Kinder, weil unseren kleinen Ruhrgebietslungen so schwarz waren wie die Wäsche auf der Lein, als Jugendliche, weil es dort keine Nazis gab. Holland war für uns das gelobte Land der Toleranz, dort wehte der Wind der großen weiten Welt... So gern die Deutschen rüberfahren, um in den Coffieshops zu rauchen, was sie in Siegen nicht dürfen - so ungern lassen sich die Niederländer in die Vorgärten kotzen. Das Bild des toleranten Holländers hat in den letzten Jahren etliche Kratzer bekommen... "Heute gehört es nicht mehr zum guten Ton, antideutsch zu sein." (Müller). Mit der Wende kam die Wende. Heute ist Berlin für den jungen Holländer das, was Amsterdam für uns war: cool.
Aber 90 Prozent der Beziehungen zu den Niederlanden, meint Müller, spielen sich weiterhin in NRW ab. Und für den erwachsenen Nordrheinwestfalen ist Holland geblieben, was es war, das Paradies, in dem es alles gibt, was man zu Hause nicht kriegt; Haschisch und Lakritze (so scharf, daß man sich den Mund verbrennt), heile alte Städte, geschmackvolle moderne Architektur. Während der Holländer in Scharen zum Campen ins Sauerland reist, kommt der Nordrheinwestfale zum Segeln, Schlittschuhlaufen und Fliegen hierher: von Schiphol in die weite Welt. Die Grenzen zwischen den Ländern sind so fließend geworden, daß man sie kaum noch erkennt, Schlagbäume gibt es schon lange nicht mehr; die Kommunen schließen sich zu Euregios zusammen, selbst die Währung ist inzwischen dieselbe.
Nach Holland reist der Nordrheinwestfale, um entspannt Auto zu fahren (mehr als 120 Stundenkilometer sind auf der Autobahn nicht erlaubt), Ausstellungen und modernes Theater zu besuchen, zu studieren und sonntags einzukaufen. Am liebsten bei Hema. Hema ist für Kaufhäuser das, was Ikea für Möbelhäuser ist: Für wenig Geld gibt es dort lauter schöne bunte Sachen. Selbst unsere königshäuslichen Bedürfnisse kann Holland befriedigen; da der Nordrheinwestfale als solcher nicht zum Glamour neigt, ist ihm die fahrradfahrende Königin besonders sympathisch. Natürlich fahren auch alle Nordrheinwestfalen zum Koniginnentag rüber; denn am 30. April darf jeder verkaufen, was er will. Von Holland lernen, heißt handeln lernen, das macht man hier schon seit Hunderten von Jahren.
In Holland übt der Nordrheinwestfale auch Bescheidenheit. Wenn er Kaffee und Kekse vorgesetzt bekommt - und Kaffee wird immer, selbst nachts serviert - weiß er, daß er nicht mehr als ein Plätzchen nehmen darf, ohne als gierig zu gelten.
... Die beiden Länder sind wie füreinander gemacht. NRW ist ein bißchen größer, hat auch zwei Millionen Einwohner mehr, dafür ist Holland wirtschaftlich stärker, dienstleistungsfähiger.
Für uns wird Holland immer bleiben, was es war, das Paradies unserer Kindheit...
Andreas Petzold: Über das ganz besondere Verhältnis zu den Niederlanden. Stern 26/2008, S. 5 Editorial
Liebe Stern-Leser!
stern-Autorin Stefanie Rosenkranz kennt die Niederlande seit ihrer Kindheit. In Belgien aufgewachsen, fuhr sie mit ihrer Familie an sonnigen Wochenenden häufig ins benachbarte Holland ans Meer: "Dort sind die Strände schöner und wilder als in Flandern, und gleichzeitig ist alles unendlich viel ordentlicher. Holland, das ist der Geruch von Freiheit und Meister Proper." Später durchquerte sie auf mehreren Reportage-Reisen das Land und stellte interessiert fest, dass sich offenbar kaum ein Mensch daran stört, wenn etwa der Nationalschriftsteller Maarten 't Hart im rosafarbenen Kostüm auf Buchmessen erscheint, während unterlassenes Unkrautjäten ziemlich schnell zu gesellschaftlicher Ächtung führt. Die Niederlande sind voller Paradoxe: Hier fusionieren himmelschreiende Spießigkeit und hochkultivierte Weltläufigkeit, ist der Geiz so grenzenlos wie die Generosität, löst das Bepinkeln von Häuserwänden mehr Erregung aus als die Euthanasie. Von außen betrachtet, so Rosenkranz, wirkten die Niederländer "total radikal, fast schon verrückt", in Wahrheit seien sie dagegen "vernünftig, nüchtern und dabei zumeist unglaublich offen und nett". Das Verhältnis zu den Deutschen ist - mindestens - ambivalent. Spätestens beim Thema Fußball quillt die gefühlte Rivalität aus jedem Knopfloch [s. Nederlands-Duitse rivaliteit op het voetbalveld - Niederländisch-deutsche Rivalität auf dem Fußballfeld / Und Geschichtliches zu "Orange"]. Während der EM hat sich unser Nachbar Respekt verschafft... [s. auch Het EK voetbal 2008 - die Fußball-Europameisterschaft 2008]
Stefanie Rosenkranz: MORDSGOUDA. Stern 26/2008, S. 44-58 [illustriert mit tollen Fotos!]
Das Land ist so platt, dass wir meist drüber hinwegsehen. Dabei sind die Niederländer von himmelschreiender Putzigkeit und schaffen es, uns, den Moffen, ihre Tulpen, Tomaten und Linda de Mol anzudrehen. Ach ja, Fußball spielen können sie auch
Klein und pfannekuchenplatt liegt westlich von Deutschland das Königreich der Niederlande herum, dem wir allzu selten unsere Aufmerksamkeit schenken. Darüber sind die Untertanen Ihrer Majestät Königin Beatrix nicht wirklich unglücklich, denn wenn wir uns in der Vergangenheit für sie interessiert haben, wurden sie entweder bombardiert (Zweiter Weltkrieg) oder geschlagen (Fußballweltmeisterschaft 1974 [s. auch Geschichtliches zu Deutschland und den Niederlanden]).
Die Folgen dieser Ereignisse sind bis heute zu spüren. Während wir uns erdreisten, plumpe Witze über die Holländer zu machen, etwa: "Warum kann man mit ihnen nicht Verstecken spielen?" - "Die sucht keiner!", lachen sie selbst herzlich über weitaus geschmackvollere, geradezu surrealistische Belgier-Bonmots: "Was steht auf dem Boden eines belgischen Schwimmbeckens?" - "Rauchen verboten".
Uns hingegen, die sogenannten Moffen [niederländisches Schimpfwort für Deutsche], finden sie überhaupt nicht komisch. Zwar sind die Zeiten vorbei, als die Holländer jedem teutonischen Autofahrer, der nach dem Weg fragte, entgegenschleuderten: "Den kennst du sicher noch." Auch wird uns längst nicht mehr nur die Hälfte eines Matjesherings serviert, und die Eiskugel für den deutschen Touristen ist inzwischen genauso groß wie für alle übrigen Erdenbewohner.
INDES KARIKIERT UNS der Niederländer noch immer gern mit Pickelhaube und Eisernem Kreuz, und anlässlich eines jeden Fußballspiels kommt die Moffen-Aversion zutage. So wischte sich bei der EM 1988 der niederländische Nationalspieler Ronald Koeman nach dem Sieg über die Deutschen mit dem Trikot von Olaf Thon den Hintern ab, und Marco van Basten, damals Schütze des Siegtors und jetziger Trainer der holländischen Nationalelf [s. auch Het EK voetbal 2008 - die Fußball-Europameisterschaft 2008], schwärmte anschließend von diesem "wunderbaren Gefühl, die widerwärtigen Deutschen rausgeworfen zu haben".
Auch wurde unser armer Rudi Völler bei der Weltmeisterschaft 1990 auf das Ekligste bespuckt, und zwar gleich dreimal, vom Niederländer Frank Rijkaard. Anlässlich der Fußballeuropameisterschaft 2004 in Portugal brachte ein niederträchtiges Unternehmen kleine Plastik-Völlers auf den Markt, zu stecken ins Pissoir, damit der männliche Holländer erstens trifft und zweitens "op de moffen pissen" kann. Wen wundert es da noch, dass die deutsche Elf, damals trainiert von Völler, schon in der Vorrunde ausschied und Rudi abdanken musste. Und bei der letzten Weltmeisterschaft in Deutschland wurden in den Niederlanden orangefarbene Hitler-Schnauzer im Internet feilgeboten, für zwei Euro und 95 Cent.
AUCH FERNAB VOM SPORTPLATZ rächen sich die Niederländer rastlos für vergangene Niederlagen. Während sie von uns nie etwas haben wollten, nicht einmal Claus von Amsberg, den Gatten der Königin, der vor lauter "Claus raus!"-Rufen depressiv wurde und nach einem leeren Leben seiner Schwermut erlag, ist es ihnen gelungen, uns Heintje, Lou van Burg, "Big Brother", Linda de Mol oder André Rieu anzudrehen und insbesondere und vor allem die vortreffliche niederländische Fleischtomate, feuerrot und im Tennisballformat. Endlich Wasser schneiden können - darauf hatte die Welt gewartet.
Wie schaffen die Niederländer das nur?
Die Heimatkunde gibt wenig Aufschluss. Wie schon der Name sagt, sind die Niederlande niedrig. Der höchste Hügel misst 321 Meter und befindet sich in Limburg, einer Gegend, die von den Eingeborenen großspurig auch "Schweiz" genannt wird. Bei den übrigen Erhebungen, an denen der Blick zum Horizont hängen bleibt, handelt es sich entweder um Häuser, Deiche, Sexshops, Windmühlen oder Windturbinen, meistens aber um Kühe oder um Niederländer. Auf das ganze Gebilde fällt etwa 302 Tage im Jahr kalter Regen.
Es gibt fast 5 Millionen niederländische Kühe und 16 Millionen Niederländer. Kommen wir zum Niederländer an sich.
Als der römische Chronist Plinius Secundus ihn erstmals bei sich zu Hause antraf, notierte er erschüttert: "Der Ozean dringt mit zwei Zwischenzeiten am Tage und in der Nacht in gewaltiger Breite und mit unermesslichen Wellen ins Land ein, sodass man bei diesem ewigen Kampf der Natur zweifelt, ob denn der Boden zur Erde oder zum Wasser gehört. Dort lebt ein unglückliches Volk auf Hügeln, besser gesagt, auf Erhöhungen, die es mit eigener Hand aufgeworfen hat." Seinerzeit glichen die Niederlande einer einzigen Pfütze und waren für menschliches Leben komplett ungeeignet.
Andere, weniger beharrliche Menschen wären wahrscheinlich irgendwann einfach umgezogen, nach Osten, zu uns, oder in den Süden, zu den Belgiern. Doch der verbissene Niederländer blieb, grub und siegte, wenn er nicht weggespült wurde. Sein Gegner war die Nordsee, die er eindeichte, einpolderte, drainierte und bezwang, bis er dem Meer endlich eine bewohnbare Fläche abgerungen hatte, durch gigantische Wehre vor Sturmfluten geschützt.
Der Niederländer, obwohl von Natur aus bescheiden, ist mächtig stolz auf das Ergebnis. "Der Herrgott schuf Himmel und Erde, doch die Niederländer schufen die Niederlande", lautet ein örtliches Sprichwort, und die Fluggesellschaft KLM warb lange Zeit mit dem Spruch: "Die meisten Menschen bekommen großartige Kunstwerke nur zu sehen, die Niederländer leben in einem."
Der Besucher kann dem nur zustimmen, besonders wenn er früher gern mit Puppenstuben oder Playmobil gespielt hat. Denn die Niederlande sind ein Schnuffi-Puffi-Putzi-Land von geradezu himmelschreiender Niedlichkeit. Allerliebste kleine Häuschen säumen putzige kleine Straßen, frisch gewaschene Junkies delektieren sich an keimfreien Spritzen, süße Fabriken reihen sich an schnuckelige Windmühlen, gekämmte Kühe kauen an gestaubsaugtem Gras, geschmacksneutrale Edamer Käseräder werden in nach Domestos duftenden Läden angeboten, geduschte blonde Meisjes und reinliche Jongens zeigen staunenden Touristen "lekkere Life-Erotiek", makellose Bäume, gewienerte Vibratoren sowie polierte Wohnwagen stehen stets ordentlich in Reih und Glied, sei es an schnurgeraden Kanälen, sei es in blitzblanken Sexshops, sei es auf bakterienfreien Campingplätzen.
KURZ, DAS LAND UND SEINE Bewohner sind nicht nur sauber, sondern so rein, dass selbst schwäbische Hausfrauen dagegen wie Schlampen wirken. Man kann verstehen, warum "neue Niederländer" oder "Allochthonen", wie Einwanderer hierzulande politisch korrekt genannt werden, angesichts der geballten Putzigkeit gelegentlich der Versuchung nicht widerstehen können, ein Kaugummi auf die stets abgeleckten Bürgersteige zu spucken oder die Balkons ihrer vorbildlichen Sozialwohnungen mit kaputten Waschmaschinen zuzumüllen.
Das Einzige, was in den Niederlanden nicht niedlich ist, ist der Niederländer. Das liegt insbesondere an seiner monumentalen Größe. Er misst im Durchschnitt 188 Zentimeter und ist damit der größte Mensch auf Erden. Wie er es schafft, sich in seine winzigen Häuser und insbesondere in seine Bonsai-Klos hineinzupressen, bleibt jedem Fremden ein Rätsel, wankt der doch, obwohl meistens kleinformatiger, gekrümmt und zerbeult aus örtlichen Herbergen wie Aborten heraus. Offenbar kann sich der "Autochthone", wie der Eingeborene genannt wird, je nach Bedarf zusammenfalten oder aufklappen wie ein Regenschirm.
Optisch ist ansonsten am Niederländer wenig auszusetzen. Ist er männlich, sieht er nicht selten aus wie Paul Newman, ist er weiblich, sieht er ebenfalls aus wie Paul Newman.
Am Fuß trägt er häufig den Turnschuh statt des traditionellen Holzschuhs, hier Klompen geheißen, sieht man einmal ab von Waterland am Markermeer nördlich von Amsterdam, der Holland-Apotheose schlechthin, wo Klone von Frau Antje rastlos damit beschäftigt sind, Moos von Gartenzwergen zu kratzen und Markisen mit Sagrotan zu spülen, wenn sie nicht gerade versuchen, Reisenden entzückende Klompen oder Käseräder zum Höchstpreis zu verkaufen. Außerhalb von Waterland zeigt der Niederländer bei der Wahl seiner Kleidung ganz ähnliche Vorlieben wie wir: Es dominieren saucen- und senfbraune Töne, aufgelockert durch lindgrüne Schattierungen.
Des Weiteren wird die Niedlichkeit des Niederländers zunichte gemacht durch das Niederländische. Insgesamt hat das kehlig zischende und würgende Idiom einen klompigen Charakter, der insbesondere beim Singen des lokalen Liedguts mit Titeln wie "Weet je nog wel, die avond in de regen" auf geradezu katastrophale Weise zum Ausdruck kommt ["g" wie kratzendes "ch" aussprechen, also "nog" = "noch" und "regen" = "rechen"]. Es überrascht nicht, dass diese gewöhnungsbedürftige Sprache kein Exportschlager ist und außerhalb der Niederlande und ihren ehemaligen Kolonien nur in Flandern (Flämisch [= Niederländisch]) und Südafrika (Afrikaans) gekeucht und gehustet wird. Indes kann man ihr auch einige komische Seiten abgewinnen. "Monster - mag niet verkocht worden" etwa heißt "Probe - darf nicht verkauft werden", während "gesneuveld vor het Vaderland" nicht "ausgeschnauft fürs Vaterland" heißt, sondern für ebendies gestorben.
WIDMEN WIR UNS JETZT den einzigartigen und zumeist einzigartig guten Eigenschaften der Niederländer.
Weil der Niederländer sein Land selbst machen musste, hält er alles andere ebenfalls für machbar. Nie lässt er die Dinge so, wie sie sind. So hat er nicht nur das Meer bezwungen, sondern längst auch sein regnerisches Klima, indem er die Jahreszeiten mittels Gewächshäusern ausgetrickst hat. Die Ergebnisse sind häufig bunt; hierbei ist an die Blume und insbesondere die Tulpe zu denken. Manchmal sind sie auch betrüblich, wie im Fall der schon erwähnten Tomate. Und fast immer gelingt es dem geschäftstüchtigen Niederländer, sie an den Rest der Welt zu verkaufen, insbesondere an uns.
Einzig die niederländische Gastronomie [s. Eet smakelijk! Lievelingsgerechten in Nederland en Vlaanderen -
Guten Appetit! Beliebte Gerichte in den Niederlanden und Flandern] vermag der Niederländer niemandem außerhalb der Niederlande schmackhaft zu machen. Zwar gilt auch hier: Alles ist machbar. Doch muss gesagt werden, dass vieles besser ungemacht geblieben wäre, zuvorderst der "stamppot", bestehend aus Unmengen von zerstampften Kartoffeln und Spurenelementen von irgendeinem unidentifizierbaren Gemüse, zu dem gelegentlich eine wässerige Scheibe "varkensvlees met appelsaus" (Schweinefleisch mit Apfelschleim) gereicht wird. Ebenso erfreuen sich die Erbsensuppe, "Erwtensoep" oder auch "snert met kluif" geheißen, sowie "bruine bonen met stroop", braune Bohnen mit Sirup, jenseits der Landesgrenzen einer ungemein übersichtlichen Anhängerschaft. Kleine Leckereien zwischendurch bestehen aus "uitsmijter" - ungetoasteter Toast mit Spiegelei und transparenten Schinken- und Käsescheiben -, "frieten" [Fritten] und braunen Klumpen und Klümpchen, die der Niederländer "Kroket" nennt und vorzugsweise "aus der Wand" isst. So nennt er es, wenn er ziemlich viele Euros in einen Automaten steckt, um anschließend diese Herrlichkeiten herauszuziehen.
Mit Menschen verfährt der Niederländer ähnlich wie mit der Tomate. Er transformiert sie. Mittels rätselhafter sozialer Gentechnik ist es ihm gelungen, im Lauf der Jahrhunderte aus sämtlichen Niederländern pragmatische Calvinisten zu machen. Auch wenn sie katholisch, atheistisch oder jüdisch sind, glauben sie fast alle fest an die calvinistische Maxime: "Wer im Überfluss lebt, ist von Dornen umringt", und legen folgerichtig beim Sparen mehr Leidenschaft als beim Sex an den Tag: Sie kratzen auch den allerletzten Milchrest mit einem eigens erfundenen Schaber aus der Flasche, teilen akribisch jede Restaurantrechnung, stopfen in der Eisenbahn auch dänische Doggen in Reisetaschen, weil sie dann nichts für den Hundetransport bezahlen müssen, und verabscheuen eitlen Tand und Luxus. Auf diese Weise werden sie ziemlich reich, und anschließend schämen sie sich dafür. So beklagte sich einmal einer der Topverdiener des Landes über die erste Klasse der KLM, weil es dort viel zu viel zu essen gebe. "Ein Käsebrot und ein Glas Milch sind völlig ausreichend."
Anders als der Deutsche liebt der Niederländer keine Probleme, sondern löst sie, und zwar indem er sie gleich der Nordsee nach dem weltberühmten Poldermodell unschädlich macht - egal, ob es sich um Gewerkschaften, Schwangerschaftsabbrüche, Homo-Ehe, Sterbehilfe oder Armut handelt - es ist fast unmöglich, in den Niederlanden zugrunde zu gehen, und erfordert dermaßen viel Energie, dass es einfacher ist, in der Zwischenzeit Harvard zu besuchen und anschließend Manager bei Philips zu werden. Bevor eine Schwierigkeit aus dem Weg geräumt wird, sucht der Niederländer nach einem möglichst breiten Konsens, den er durch den "overleg" findet, die Besprechung. Geredet wird so lange, bis alle der gleichen Meinung sind oder wegen Zermürbung im Tiefschlaf liegen.
Aufgrund seiner zahlreichen Coffee- und Sexshops wird der Niederländer von deutschen Zollbeamten und christlichen sowie muslimischen Fundamentalisten gern für einen drogensüchtigen Pornografen gehalten. In Wahrheit jedoch lebt er so wild und gefährlich wie Karin und Edmund Stoiber, denn er hat die subversive Kraft des Erlaubens erkannt. Während etwa der Deutsche gern alles verbietet, erlaubt der Niederländer praktisch alles. Und wenn er etwas nicht erlaubt, dann duldet er es, wie etwa den Konsum von Cannabis. [s. Zur niederländischen Drogenpolitik]
Ergebnis: Wo bleibt der Spaß? Niemand raucht gern Joints mit seinen Eltern.
Der Niederländer hat die Dinge gern transparent: Kein Vorhang trübt den Blick ins makellose Wohnzimmer, sein eingekochtes Gemüse verkauft er nicht in Dosen, sondern in Gläsern. ähnlich verfährt er auch mit den dunklen Seiten des Lebens. Sie werden so lange ans Licht gezerrt, bis sie entweder komisch oder langweilig sind. Das gilt insbesondere für Sex, über den Niederländer viel lieber sprechen als über ihr Geld, wobei Geld ganz bestimmt das spannendere Thema wäre.
WO SICH AN JEDER STRASSENECKE in grell ausgeleuchteten Schaufenstern gewerkschaftlich organisierte Prostituierte auf gebügelter Bettwäsche rekeln und in Fetischisten-Läden kleine gelbe Quietscheenten in Lederwäsche und mit Handschellen verkauft werden, ist die geheimnisvolle Macht des Eros komplett eingepoldert.
Die Niederländer sind wahnsinnig tolerant; es bleibt ihnen auch kaum etwas anderes übrig, haben sie doch nach Monaco, Malta und San Marino das am dichtesten besiedelte Land Europas und müssen schon aus Platzmangel miteinander auskommen. Allerdings hassen sie neuerdings alle Menschen, die nicht ganz genauso wahnsinnig tolerant sind wie sie - eine Folge der Morde am Politiker Pim Fortuyn und am Filmemacher Theo van Gogh. [s. Theo van Gogh / Louis Sévèke / Ayaan Hirsi Ali / Geert Wilders]
Fortuyn war Soziologe von Beruf und spät berufener Populist der Spaßgeneration, aufgestiegen nach den Attentaten vom 11. September 2001 und im Jahr darauf ermordet von Volkert van der Graaf, ...
DIE EXZENTRISCHE OBERHUSCHE Pim beendete jäh die jahrzehntelange politische Herrschaft vernünftiger Gutmenschen, die mit ihrem unerbittlichen Pragmatismus dafür sorgten, "dass Politik bei uns so aufregend war wie ein nasser Lappen", so der Schriftsteller Geert Mak...
...
Wie dem auch immer sei, durch Fortuyn, seine beiden Schoß-Spaniels Kenneth und Carla sowie seine schreibunten Krawatten kam zeitweise ein bisschen Krawall ins grauenerregend langweilige politische Leben der Niederlande. Seither bemüht sich der so rechte wie spät erblondete Parlamentarier Geert Wilders zwar unablässig, in die Fußstapfen seines großen Vorbilds zu treten, indem er mal den Koran verbieten, mal mit Flandern fusionieren [s. auch Belgischer Föderalismus - Belgisch federalisme], mal die Niederländischen Antillen meistbietend verkaufen will, doch irgendwie regt er keinen so richtig auf. Fortuyns Politik ohne Fortuyns Flamboyanz mangelt es an Charme, weswegen die Konsens-Politik unter dem komplett Charisma-freien Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende längst ein Comeback geschafft hat. Wenn sich die Niederländer schon langweilen müssen, dann tun sie das doch lieber in Eintracht als in Zwietracht.
Denn neben dem Sparen liebt der Niederländer nichts mehr als gemütliche Eintracht, hierzulande "gezelligheid" genannt. Der Gipfel der "gezelligheid" ist eine niederländische Geburtstagsparty, bei der die Gäste wie Spiritisten im Kreis um einen Kuchen sitzen, von dem sie genau ein Stück essen (mehr gilt als Völlerei), und dazu Kaffee trinken. Die Einsamkeit schätzt der Niederländer schon deswegen nicht, weil er sie wegen der Überfüllung seines Landes nicht kennt. Darum tauscht er bei jeder Gelegenheit sein prächtiges und kleines Heim gegen einen meist nur wenige Kilometer entfernt geparkten prächtigen und weitaus kleineren Wohnwagen aus, um mit einer möglichst großen Zahl von anderen Niederländern "gezellig" zu sein.
Im Sommer zieht er diese Idylle auf Rädern unter Mitnahme von niederländischen Kartoffeln, Tomaten, Erbsen und Heineken-Bier quer durch Europa, vorzugsweise nach Spanien, Frankreich oder Italien, und versucht dort erst gar nicht mehr, die erschrockenen Eingeborenen an "gezelligheid" rund um einen "Snert"-Topf und ein "pilsje" teilhaben zu lassen.
Ansonsten liebt der Niederländer die Niederlande, die niederländische Königin und den niederländischen Fußball, den er, angetan mit orangefarbenen Gewändern, Hüten sowie Unterhosen und unter "Hup Holland"-Rufen betrachtet. [s. auch Sport in den Niederlanden und Belgien - sport in Nederland en België / Het EK voetbal 2008 - die Fußball-Europameisterschaft 2008 / Fußball: Niederlande - Deutschland / voetbal: Nederland - Duitsland / Nederlands-Duitse rivaliteit op het voetbalveld - Niederländisch-deutsche Rivalität auf dem Fußballfeld / Und Geschichtliches zu "Orange"]
Zusammenfassend müssen wir neidvoll feststellen, dass der Niederländer mit Ausnahme seiner verheerenden Essgewohnheiten so gut wie gar keine schlechten Eigenschaften hat. Vieles eint uns - wir denken da nicht nur an die Liebe zur Kartoffel und zum Kaffee, sondern auch zum Beispiel an dieses kleine Plateau, dass nur wir und sie in unsere Klos hineinmontieren, damit wir vor dem Runterspülen die Frucht unserer Darmtätigkeit bestaunen können. Manches trennt uns. Zum Beispiel legt der Deutsche beim Radfahren zumeist den Charme von Hitler beim Überfall auf Polen an den Tag, während der Niederländer Hindernisse nicht über-, sondern umfährt. Doch obwohl er das Leben ein wenig leichter nimmt als wir, ist er nicht nur gut organisiert und effizient, sondern sogar besser organisiert und effizienter als wir. Mithin: Der Niederländer ist der bessere Deutsche.
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