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Stand der Bearbeitung: 15.7.2006

Rudi Carrell


Harald Martenstein: Der Letzte lacht das Licht aus. Witzig, perfekt - und manchmal auch grob: zum Tod des großen Entertainers Rudi Carrell. Der Tagesspiegel Nr. 19246, 11.7.2006, S. 23
Rudi Carrell hat die sympathische, aber nicht ungefährliche Eigenschaft besessen, offen seine Meinung zu sagen. Wenn Journalisten ihn interviewten und ihn nach diesem Kollegen oder nach jener Kollegin befragten, bekamen sie immer eine Antwort. Rudi Carrell analysierte und gab präzise Karriereprognosen ab. Er irrte sich selten. Zum Beispiel prophezeite er früh den Aufstieg von Günther Jauch. Auf das Scheitern von Anke Engelkes "Late Night Show" hat er 20.000 Euro gewettet.
Über Rudi Carrell kann man also ruhig die Wahrheit sagen, obwohl er tot ist. Er war ein gefürchteter und perfektionistischer Vorgesetzter. Manchmal war er verletzend. Gegen Zoten und so genannte frauenfeindliche Witze hatte er nicht das Geringste. Ein Intellektueller war er ganz sicher nicht. Rudi Carrell äußerte sich ungern spontan, jeden Auftritt bereitete er sorgfältig vor. Und er war weniger kreativ, als man sich das vorstellt. Seine Witze stammten aus Sammlungen, die er und sein vielköpfiger Mitarbeiterstab sich im Laufe der Jahre angelegt hatten, aus den verschiedensten Quellen, auch aus dem Internet. Er war ein hart arbeitender Witzeerzähler, so, wie schon sein Vater einer gewesen war.
Rudi Carrell, der 1953, mit 19 Jahren, zum ersten Mal öffentlich aufgetreten ist, war kein Genie, aber er ist jahrzehntelang einer der größten Entertainer gewesen. 1965 hat Radio Bremen ihn von Holland nach Deutschland geholt.
Der Künstler nimmt sein Ego wichtig, das Ego ist sein Material, mit all seinen Neurosen und Verirrungen. Für den Entertainer dagegen zählt nur das Publikum. Das Publikum bekommt, was es will. Der Entertainer überläßt nichts dem Zufall, nichts seinem eigenen Geschmack, nichts den Einflüsterungen der Kritiker. Er verläßt sich auf das, was sein eigener Instinkt ihm über die Instinkte des Publikums erzählt...
Carrells Schule waren die Bierzelte, die Varietés und Kindergeburtstage in Alkmaar, bei denen sein Vater auftrat. Die Kollegen kamen vom Theater, wie Hans-Joachim Kulenkampff, oder vom Radio, wie Thomas Gottschalk und Günther Jauch, oder vom Kabarett, wie Harald Schmidt... Wer 30 Millionen Leute unterhalten möchte, wie er es jahrelang schaffte, darf nicht zu viele Skrupel haben. Vor Kalauern hatte er keine Angst, ähnlich wie der frühe Woody Allen.
Zeitlebens quälte Rudi Carrell das Gefühl, die deutsche Sprache nicht perfekt genug zu beherrschen, deswegen zog er die gespielte Pointe dem Wortwitz vor. Er zog also vor Alice Schwarzer in einer Talkshow einen BH aus der Jackentasche, mit dem er sich die Stirn abwischte, er ließ in einer montierten Szene Ayatollah Khomeini mit Damenunterwäsche bewerfen. Er machte Schwulenwitze. Humor ist eine Grenzüberschreitung, Humor ist manchmal brachial und schmutzig, wie Sex, und die Geschmäcker sind verschieden, aber wenn du oben auf der Bühne stehst und überleben möchtest, sind alle Waffen erlaubt. Carrell trieb der deutschen Fernsehunterhaltung das Onkelhafte und Offiziöse aus, auch die Witze aus den unteren Schubladen brachte er mit Charme. Vielleicht ist er der Ahnherr der Comedy, in der das Lachen keinen politischen, pädagogischen oder kulturellen Vorwand braucht.
Wie sitzt mein Anzug? Von welcher Seite trete ich auf? Wie trete ich ab? In den ersten drei Minuten muß der erste Lacher kommen! Diese Regeln ändern sich nicht...
Carrell hat den perfekten Abgang inszeniert, in drei Akten. Zuerst, im Dezember (2005), schüttete er in einer Fernsehshow Harald Schmidt ein Glas Wasser über die Hose, stumm. Da wußte schon jeder, wie es um ihn steht. Dann kam die "Goldene Kamera" im Fernsehen, 2. Februar (2006), Ehrenpreis fürs Lebenswerk. Carrell sah schlimmer aus als im Dezember, ein erbarmungswürdiger Anblick. Er machte ein paar todesverachtende Witze über die Krankheit, er holte sich noch einmal seine Lacher ab, dann dankte er Deutschland für seine Karriere. Die Deutschen lachen gerne, sie sind ein zutiefst humorvolles Volk, das hat Rudi Carrell oft gesagt, wahrscheinlich war es seine Überzeugung. Der Abschied wirkte nicht eitel, nicht selbstgefällig. Es war rührend, aber nicht rührselig, es war wieder einmal perfekt, der Kreis schloß sich.
Im März (2006) brachte das "SZ-Magazin" dann sein letztes großes Interview, elf Seiten Text plus Fotos. In diesem Interview sagte er: "Ich lasse mich einäschern, dann sollen meine Kinder irgendwo einen Grabstein hinsetzen. Was soll ich trauern? Ich muß dankbar sein. Ich habe ein tolles Leben gehabt. Das Einzige, was mir Sorgen macht, ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Interviews, da es mit mir schnell bergab geht. Ich habe nichts dagegen, wenn es erst nach meinem Tod erscheint. So etwas kann man schlecht planen.".. "Die Leute wollen nicht nur lachen, die wollen auch gerührt sein." Nur der Showmaster selbst dürfe seine Rührung eben nicht zeigen, das wäre billig...
... Carrells Professionalität war nicht kalt, so wenig, wie das Anfassen und Ranschmeißen bei anderen Entertainern warm ist. Carrell würde wahrscheinlich sagen: Es ist eine Frage des Respekts. Man rückt den Leuten nicht zu eng auf die Pelle, damit sie sich nicht unbehaglich fühlen.
...
Bei Kuhlenkampff fällt jedem sofort das Quiz "Einer wird gewinnen" ein, bei Gottschalk natürlich "Wetten, daß". Carrell dagegen hat alle paar Jahre etwas Neues gemacht. Von Showideen, die nicht funktionierten, trennte er sich schnell und unsentimental. Was funktionierte? "Am laufenden Band", ein Quiz mit einem Fließband, "Rudis Tagesshow", die Parodie auf die Fernsehnachrichten, "Laß dich überraschen", das Prinzip der versteckten Kamera, nur eben ins Nette und Positive gewendet, "Herzblatt", eine Flirtshow, ganz am Ende "7 Tage - 7 Köpfe", eine Art All-Star-Ensemble der deutschen Fernsehcomedy...
Carrell war, auf seine Art, wirklich ein extrem bescheidener Mann. Er legte keinen Wert darauf, als originell, geschmackvoll oder kulturell wertvoll zu gelten. Er legte lediglich Wert darauf, immer die richtige Nase gehabt zu haben.
Pro Tag rauchte er mindesten drei Päckchen Zigaretten, vor einer Show aß er eine Woche lang fast nichts, danach trank er die ganze Nacht Bier. Er wußte, daß so etwas nicht ewig gut geht. Seine langjährige Ehefrau Anke ist vor ein paar Jahren gestorben, zur allgemeinen Überraschung heiratete er kurz danach nicht Susanne, seine fast ebenso langjährige Geliebte, sondern Simone, eine relativ neue Bekanntschaft. Als bald darauf bei Susanne ein Gehirntumor festgestellt wurde, begleitete er ihr Sterben, vier Monate lang. Vor ein paar Monaten begann Rudi Carrell, Blut zu husten.
Den Tod hielt er bis kurz vor dem Ende der Fußball-WM (2006 in Deutschland) in Schach, als ob er den Deutschen den Spaß an ihrer Party nicht verderben wollte. Und ist die Fußball-WM etwa nicht die letzte, große Bestätigung seiner These gewesen - die Deutschen lachen gerne?
Er wurde 71 Jahre alt. So professionell wie Rudi Carrell ist noch keiner gestorben.

Rudi Carrell wurde am 19.12.1934 in Alkmaar (Niederlande) als Rudolf Wijbrand Kesselaar geboren. Am Freitag, dem 7.7.2006 starb er 71jährig an Lungenkrebs.


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