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Informationen zur niederländischen Sprache und Kultur


Stand der Bearbeitung: 5.3.2004

Anmerkungen zur niederländischen Sprache



Heer Bommel und die Alb(p)träume zweier Sprachen




Heer Bommel und die Alb(p)träume zweier Sprachen, erzählt von P. Hobma, Niederlande

Wußten Sie, daß auch der berühmteste Dichter "unseres" Goldenen Zeitalters (1580-1680) der Literatur, Johan van den Vondel, ein gebürtiger Kölner war? Er wird als der Shakespeare der Niederlande betrachtet. Seine Theaterstücke werden heute noch gespielt. Auch einige seiner Gedichte wurden vertont und in der Kirche gesungen.
Eines handelt von dem Massenmord an zweijährigen Kindern in Bethlehem, der auf Geheiß von Herodes stattgefunden haben soll. Die Katholiken gedenken dessen am 28.Dezember. Der Tag heißt auf deutsch: Unschuldige Kinder, bei uns: Onnozele Kinderen. Es wird dann Geld für unterdrückte oder ausgebeutete Kinder in der Dritten Welt gesammelt.
Das Wort: onnozel, das heute "einfältig" bedeutet, wurde in Vondels beeindruckendem Lied (das auch im protestantische Kirchenliedbuch steht!) auch verwendet. Es bedeutete im 17. Jahrhundert "unschuldig".
Es gibt viele Wörter, deren Bedeutung sich im Lauf der Zeit geändert hat. Denken Sie nur ans englische Adjektiv "gay", das in meiner Schulzeit noch "fröhlich" bedeutete, und jetzt "schwul".
Auch unschuldige Wörter wie "naaien" = nähen und "wippen" = wippen, sind jetzt auch derbe Bezeichnungen des Geschlechtsakts. Ausländer sollten mit dem Gebrauch dieser Wörter etwas aufpassen!
Auch das Umgekehrte gibt es. Schraube und Mutter (schroef en moer) bedeuten jetzt nur noch, ganz unschuldig, Materialien aus Metall....
Das Wort "stout" bedeutet jetzt: unartig, gemeint für Kinder. Früher bedeutete es: mutig, stolz (derselbe Stamm!). In meinem Buch über Etymologie (das ist das Studium der Herkunft der Wörter) steht, daß es bei den Germanen auch "stark" bedeutet hatte. Deswegen heißt ein starkes, promillereiches Bier im Englischen auch noch "stout".

Bestimmte Autoren haben unsere Sprache um mehrere Wörter bereichert. Einer von diesen ist Marten Toonder. Er schrieb illustrierte Geschichten über Heer Bommel und Tom Poes. Ursprünglich waren diese für Kinder gedacht, aber sie wurden immer "erwachsener"; sie werden sogar zur Literatur gerechnet! Sie erschienen von etwa 1939 bis etwa 1997 täglich als Comic oder Feuilleton (beide Bezeichnungen sind nur zum Teil richtig) in der Zeitung.
In jedem Abenteuer bringt Herr Bommel sich in Schwierigkeiten und wird schließlich vom schlauen, nüchternen Kater Tom Poes gerettet. Die Geschichten, die oft eine witzige Karikatur der Gesellschaft darstellen, gehören zu meinen Favoriten. Der Bürgermeister der Stadt Rommeldam z.B. ist ein wenig intelligenter Wichtigtuer. Er ist ein Nilpferd. Bommel selbst ist ein etwas einfältiger Bär, der ein kleines Schloß bewohnt. Sein hochmütiger Nachbar, ein Hahn, gehört dem alten Adel an. Er heißt Marquis De Cantecler de Barneveldt und gebraucht viele französische Wörter. Cantecleer ist der Hahn aus dem mittelalterlichen Tierepos Van den Vos Reinaerde (Reineke Fuchs).
Barneveld ist ein großes Dorf bei Amersfoort, das seit langem wegen der Hühnerzucht bekannt ist. Der Zeitungsverleger ist ein Elefant. Es gibt einen (polnischen?) Professor Zbygniew Prlwytzkofski, der halb Deutsch quatscht, und der alles Nicht-Meßbare als unwissenschaftlich verpönt. Es gibt auch Zwerge, Monster und Zauberer. Toonder lebt in Irland; die Zeichnungen sind von der irischen Landschaft stark beeinflußt.
Siehe auch: http://www.nrc.nl/W2/Lab/Profiel/Bommel/
Toonders Geschichten sind als Taschenbücher überall erhältlich!
Wörter wie grootgrutter, minkukel, denkraam wurden von Toonder erfunden und sind in Van Dale's Großwörterbuch der niederländischen Sprache zu finden.

Übrigens: wenn Sie Bücher von vor etwa 1998 kaufen, sind diese in der alten Rechtschreibung abgefaßt. Das gilt auch für Wörterbücher!
Sie können das auf folgende Weise prüfen:
Früher war für zweisilbige Wörter wie kippensoep, vrouwenmantel (die 1. Silbe war ein Substantiv mit -n- in der Mehrzahl), die Regel:
1. Teil in der Bedeutung Mehrzahl: ein Zwischen-n. In der Bedeutung Einzahl: nicht.
Es hieß also: denneboom, dennenbos; kippesoep, kippenhok; muizeval, paardebloem; muizenplaag, paardenfokkerij.
Jetzt gibt es das Zwischen-n immer, außer bei Pflanzennamen oder wenn bei der 1. Silbe die Mehrzahl auf -s und -n endet: z.B. gedachtegoed = Gedankengut (de gedachten/gedachtes = die Gedanken); aber jetzt mit dem Zwischen-n: dennenboom, kippensoep (= Hühnersuppe), muizenval, aber noch: paardebloem (= Löwenzahn: Pflanzenname!).

Die niederländische Rechtschreibreform ist für viele hierzulande genau so ein Alptraum (oder jetzt: Albtraum) wie es ihr deutsches Gegenstück wohl bei Ihnen ist. Nur die neue Regel für das ß (nur nach langem Vokal oder Diphtong (oder Diftong?), sonst: ss) finde ich eine klare Verbesserung.
(Anmerkung: P. Hobma folgt eigentlich der neuen deutschen Rechtschreibung. Da ich es aber wie unsere Schriftsteller halte und der alten Rechtschreibung folge, sind auch diese Texte in der alten Rechtschreibung abgefaßt.)
Aber: wir Niederländer bleiben bei: sieraad für Zierrat (statt: Zierat).
Und die vielen französischen Lehnwörter bei uns! Ist es: pate, pâté oder pâte oder paté ? Ist es café oder cafe? Ist es crocus oder krokus?
Es heißt jetzt wieder: product, constructie, insect, statt: produkt, konstruktie, insekt.
Die neuen Regeln sind leider nicht konsequent. Also, am besten schlägt man jedes Wort französischer Herkunft im Wörterbuch nach (oder man benutzt die betreffende Funktion in der Textverarbeitungssoftware: diese wurde von Microsoft bereits 1999 an die neue Rechtschreibung angepaßt).
Auch für englische Lehnwörter, die es in Hülle und Fülle u.a. im Computer-, Management- und Sportbereich gibt, gelten jetzt niederländische Grammatikregeln:
engl. to update = aktualisieren, z.B. von Software: updaten; ik updatete (Vergangenheit), ik heb het programma geüpdatet.
engl. to lease= auf längere Zeit mieten: ik heb een Mercedes geleast. Früher sah man manchmal die englischen Formen: ik heb ge-updated, geleased.
Diese sind jetzt falsch. Aber was jetzt "richtig" ist.... Diese Ungeheuer, "Unwörter", sind meiner Meinung nach eine Beleidigung, ja eine Vergewaltigung unserer Sprache!!!

Das Trema (Umlautzeichen auf dem Vokal zur Silbentrennung) ist auch vielerorts verbannt worden. Es steht nur noch, wenn Verwirrung vermieden werden soll:
coördinaten (Koordinate), geürbaniseerd (urbanisiert). Aber manchmal müss man stattdessen einen Bindestrich benutzen: zee-egel (Seeigel), aber: ree-en oder reeën? (Rehe).
Wie die Regel genau ist, weiß ich immer noch nicht genau. Aber die Flamen: die wissen es, denn viele dieser Neuerungen sind von Belgien ausgegangen. Und die Reform der Orthografie (Orthographie?) ist in einem belgisch-niederländischen Staatsvertrag festgelegt worden.
Aber nun wird mit dem schwäbischen Albtraum oder österreichischen Alptraum Schluß gemacht!
Es ist Zeit für eine Tasse Tee mit etwas Süßem.

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